Warum die Zustimmung in Flawil von 63 auf 93 Prozent stieg, was die Potenzialanalyse für die Agglomeration St.Gallen-Bodensee zeigt, und ein Stau-Rekord, der uns nicht überrascht.
Mitten in der laufenden Nutzungsplanung kam der Gemeindepräsident von Flawil auf uns zu. Seine Frage war einfach: Ist unser Ort fit für die Zukunft?
In der ersten Partizipationsrunde sprachen sich 63 Prozent der Teilnehmenden für eine Stärkung des Ortszentrums durch mehr Einwohnende in Gehdistanz aus, ein gutes Drittel war unentschlossen. Nach Wanderausstellung, Dorfspaziergang, Podium und einem Blick aufs 4D-Modell waren es in der zweiten Runde 93 Prozent, die Unentschlossenen sanken von 35 auf 2 Prozent. «Die Bevölkerung will keine Verdichtung» stimmt so oft nicht.
Im kommunalen Richtplan wird die 10-Minuten-Nachbarschaft weiterverfolgt. Der Richtplan ist behördenverbindlich. Grundeigentümerverbindlich wird die Entwicklung erst mit Zonenplan und Baureglement, also in der laufenden Revision der Grundordnung.
Das Bundesamt für Wohnungswesen führt Flawil als Referenzprojekt, seit dem 18. August liegt der Schlussbericht öffentlich vor. Beides ist auf der Projektseite verlinkt.
«Komplexe Fragestellungen brauchen eine frühe, klare strategische Ausrichtung. Das war das Ziel, und das wurde bisher erreicht. Jetzt gilt es, das konsequent zu verfolgen. Danke Euch für die wertvolle Zusammenarbeit!»
Rolf Claude, Gemeindepräsident Flawil
Für die AGGLO St.Gallen-Bodensee haben wir den gesamten Perimeter durchgerechnet, für die 6. Generation des Agglomerationsprogramms. Der Befund zuerst: Weder die Agglomeration noch die Kernstadt St. Gallen hat heute eine 10-Minuten-Nachbarschaft.
Das Potenzial ist da. Zehn von rund 33 Gemeinden im Perimeter könnten eine entwickeln, die Kernstadt St. Gallen und neun Nebenzentren. Der grösste Hebel für den angestrebten Modal Shift liegt dabei nicht im Aggloprogramm selbst, sondern eine Ebene tiefer: in der Siedlungsstruktur der einzelnen Gemeinden, in Dichte und Nutzungsmischung, die über die kommunale Ortsplanung gesteuert werden. Dort entscheidet sich, wie sich Menschen im Alltag fortbewegen.
«Dank der Analyse von Resilientsy für den gesamten Perimeter der Agglomeration St.Gallen-Bodensee wissen wir nun genau, wo die Potenziale für 10-Minuten-Nachbarschaften liegen und welche Rahmenbedingungen wir schaffen müssen. Diese Informationen schärfen das Zukunftsbild des Agglomerationsprogramms.»
Tobias Winiger, Leiter Aggloprogramm, AGGLO St.Gallen-Bodensee
Die Stadt Zürich revidiert ihre Bau- und Zonenordnung. Damit entscheidet sich für jede Parzelle, was in den nächsten rund 15 Jahren gebaut werden darf. Für Grundeigentümer und Investoren haben wir parzellenscharf berechnet, was möglich sein müsste, und die eingabefertige Mitwirkung geliefert: drei Szenarien pro Grundstück, rechtlich verankert.
«Mit dem Konzept der 10-Minuten-Nachbarschaften bringt Resilientsy eine Perspektive in die Diskussion um die Innenentwicklung, die Wohnqualität und Machbarkeit zusammendenkt. Die Zusammenarbeit bei der Mitwirkung zur Revision der BZO Zürich habe ich sehr geschätzt. Sie hat gezeigt, wie dieser Ansatz hilft, Anliegen der Immobilienentwicklung fundiert und konstruktiv in Mitwirkungsprozesse der Raumplanung einzubringen.»
Karin Bührer, Geschäftsführerin, Entwicklung Schweiz
Jetzt aktuell: zwei laufende Mitwirkungen
Stadt St. Gallen, Ortsplanungsrevision, noch bis 16. Oktober. Ich habe mich durch die Unterlagen gearbeitet, 19 Dokumente, 418 Seiten.
Rheinfelden AG, Gesamtrevision der Nutzungsplanung, noch bis 30. Oktober.
Wenn Sie Ihr Areal oder Ihre Anliegen fundiert einbringen wollen, unterstützen wir Sie dabei, mit Daten, Szenarien und Erfahrung aus vergleichbaren Verfahren.
Ein NZZ-Kommentar fordert für Zürich mehr Platz für Hochhäuser. Mehr Höhe bringt aber nicht automatisch mehr Wohnungen. Ob ein Turm zusätzlichen Wohnraum schafft, hängt von den Regeln in der Grundordnung ab, nicht von der Geschosszahl. Ein einzeln stehender Turm erzeugt zudem Wohnnachfrage, aber keine Nachbarschaft, weil die kritische Masse im 500-Meter-Radius fehlt.
Ein Blick nach Vancouver zeigt, worauf es ankommt: Planungschef Josh White ersetzt das Hochverhandeln von Dichte im Einzelfall durch klare, standardisierte Regeln. Weniger Verhandlung, mehr Verlässlichkeit, so entsteht Wohnraum. Höhe ist dabei ein Werkzeug, kein Ziel. Die Zukunft ist dichter, aber nicht zwingend hoch.
Zum NZZ-Kommentar und meiner Antwort →
Vancouver: von der Verhandlung zur Verlässlichkeit (englisch) →
2 %
der Teilnehmenden waren am Ende der Partizipation in Flawil noch unentschlossen. In der ersten Runde war es ein gutes Drittel. Aufgeklärte Partizipation macht aus Unsicherheit eine Haltung.
68'040
Staustunden meldete das ASTRA für 2025, gut ein Fünftel mehr als im Vorjahr und ein Rekord. Betroffen sind vor allem die Agglomerationen. Zersiedelung ist kein Versehen, sondern das Resultat mangelhafter Raumplanung.
Rund 11'900 Einwohnende und 5'500 Beschäftigte in einem 500-Meter-Radius, das sind rund zehn Gehminuten, ergeben ein Verhältnis von 2.2 zu 1. Das ist die Schwelle, ab der sich Versorgung, öffentliches Leben und ein dichter ÖV-Takt tragen.
Bern hat genau eine solche Nachbarschaft. Schweizweit leben rund 5 Prozent der Bevölkerung in einer. Das ist die eigentliche Nachricht: nicht wie gut der Breitenrain funktioniert, sondern wie selten das ist.
Anfang September habe ich an den Berner Forumsgesprächen der Universität Bern darüber gesprochen. Die Aufzeichnung ist inzwischen online, verlinkt in meinem Rückblick.
Referenzprojekt Flawil
Im Tages-Anzeiger: «Am Anfang hiess es: Spinnt ihr? Jetzt schafft Flawil, woran sich Zürich abmüht.» Zum Beitrag →
Verdichtung
In der Aargauer Zeitung: «In Baden hätte es Platz für 45'000 Menschen», warum es viel mehr Innenentwicklung braucht. Zum Beitrag →
Wohnungsnot
In der Schweiz am Wochenende: «Die Folgen sind fatal», warum die Wohnungsnot oft bei den Stadtregierungen ihren Ursprung hat. Zum Beitrag →
Hochhäuser und Dichte
Basel plant rund 40 neue Hochhäuser. Bei Telebasel war ich im September zum Basler Hochhaus-Boom im Gespräch, für Nau.ch ordne ich ein, ob mehr Höhe wirklich ein Vorbild für andere Städte ist. Zum Telebasel-Beitrag → Zum Nau.ch-Beitrag →
Wohnen Basel
Im bajour.ch-Interview zu Klybeckplus greift Basels Kantonsbaumeister Beat Aeberhard meine Einschätzung auf: Es braucht mehr Anstrengungen fürs Wohnen in der Stadt. Zum Interview →
Wohnpolitik Zürich
Im RTS ordne ich vor den drei Zürcher Wohn-Abstimmungen die Ursachen der Wohnungskrise ein: gelöst wird sie über Jahre in den Bau- und Zonenordnungen, nicht an der Urne. Zum Beitrag →
17. September 2026«Weisse Zonen», oder wie weiter mit dem Wohnen? Podium, SAC Clubhaus Rossberg, Zug. Details →
24. September 2026Zürich: quo vadis? Open House Night, ZAZ Zentrum Architektur Zürich. Details →
5. November 2026Schweizer Wohntage 2026, Präsentation Wohnraumstrategien, Hochschule Luzern. Details →
Die Wanderausstellung 10-Minuten-Nachbarschaften war bisher an 21 Standorten, von Genf bis Bellinzona. In Flawil war sie der Auftakt des Verfahrens, das am Ende auf 93 Prozent Zustimmung kam. Gemeinden und Firmen können sie weiterhin buchen, für eine Ortsplanung ebenso wie für eine Arealentwicklung, Transport und Aufbau inbegriffen.
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